Harninkontinenz

Harninkontinenz ist eine Volkskrankheit. Die Prävalenz beträgt insgesamt 9,4 % 1). An einer OAB leiden 11,8 %, wobei Männer und Frauen etwa gleich häufig betroffen sind, die Häufigkeit mit dem Alter aber generell zunimmt (im Alter über 60 Jahre: 18,7 %).

Krankheitsbild

Bei Frauen unter 50 Jahren ist die Belastungsinkontinenz die häufigste Form der Harninkontinenz. Bei älteren Frauen wird häufiger eine Drang- oder Mischinkontinenz diagnostiziert. Bei Männern ist die Drangnkontinenz in jedem Lebensalter die vorherrschende Inkontinenzform. Allein in Deutschland leiden über vier Millionen Menschen an Harninkontinenz.

Die Harninkontinenz ist ein klinisches Leitsymptom funktioneller/organischer Störungen im Zusammenspiel von Speicher-, Verschluss- und Entleerungsmechanismen des unteren Harntraktes. Gleichzeitig ist Harninkontinenz ein medizinisches, soziales und psychologisches Problem. Die Betroffenen leiden vor allem unter den psychosozialen Auswirkungen der fehlenden Blasenkontrolle.

Die International Continence Society (ICS) definiert Harninkontinenz als „unfreiwilligen Harnverlust, der zu sozialen und hygienischen Problemen führt“. Dabei unterscheidet die ICS-Klassifikation folgende Formen der Harninkontinenz:

Dranginkontinenz/überaktive Blase

Bei der Überaktiven Blase handelt es sich um eine Störung der Speicherphase der Harnblase, der Sphinktermechanismus am Blasenauslass ist nicht beeinträchtigt. Sie ist gekennzeichnet durch imperativen Harndrang mit oder ohne unfreiwilligen Harnverlust, erhöhte Miktionsfrequenz tagsüber und Nykturie.

Für eine Überaktive Blase kommen ursächlich verstärkte afferente Nervenimpulse der Dehnungsrezeptoren in der Blasenwand (z. B. bei urogenitalen Infektionen, Tumoren oder Blasensteinen) oder eine mangelnde cerebrale Hemmung des Miktionsreflexes (z. B. bei Multipler Sklerose, M. Parkinson) infrage.

Belastungsinkontinenz

Eine Belastungsinkontinenz liegt vor, wenn es unter körperlicher Belastung, z. B. beim Heben, Husten, Lachen, Niesen oder Pressen, zum Harnverlust kommt. Durch die daraus entstehende intraabdominale Druckerhöhung kommt es passiv zu einer intravesikalen Druckerhöhung. Bei einer gleichzeitigen Schwäche der Beckenbodenmuskulatur oder insuffizientem Harnröhrenverschlussmechanismus kommt es zum Harnverlust. Die Patienten verspüren dabei keinen Harndrang. Die Belastungs-inkontinenz wird in verschiedene Schweregrade unterteilt:

  • Grad eins: Harnverlust beim Husten, Niesen, Lachen und schweren Heben (schwere körperliche Belastung)
  • Grad zwei: Harnverlust beim Gehen, Bewegen und Aufstehen (leichte körperliche Belastung)
  • Grad drei: Harnverlust im Liegen bzw. in Ruhe

Ursachen einer Belastungsinkontinenz können eine geschwächte Beckenbodenmuskulatur, ein genitaler Deszensus, ein verminderter Harnröhrenverschlussdruck oder eine Hyporeaktivität der quergestreiften Sphinkter-Beckenboden-Muskulatur sein. Besonders häufig tritt eine Belastungsinkontinenz auf bei Übergewicht, schwerer körperlicher Arbeit, Frauen mit Mehrfachgeburten, postmenopausalen Frauen (Estrogenmangel führt zu Schleimhautatrophie und Bindegewebsschwäche) und Männern nach Prostataoperationen.

Mischinkontinenz

Bei der Misch-Harninkontinenz sind sowohl die Symptome einer Dranginkontinenz als auch einer Belastungsinkontinenz in unterschiedlicher Ausprägung vorhanden.

Inkontinenz bei neurogener Detrusorhyperaktivität

Es kommt zum unfreiwilligen Harnverlust aufgrund neurogen bedingter, unwillkürlicher Detrusorkontraktionen. Hauptursache sind Erkrankungen oder Verletzungen des zentralen Nervensystems, z. B. komplette Querschnittläsion oder supranukleäre Querschnittsymptomatik, Spina bifida oder Multiple Sklerose.

Eine häufige Komplikation stellt bei diesen Patienten die Entstehung eines intravesikalen Hochdrucksystems mit Restharnbildung dar. Es besteht die Gefahr eines vesikoureteralen Refluxes mit Nierenschädigung.

Inkontinenz bei chronischer Harnretention

Bei dieser Form übersteigt der intravesikale Druck den Verschlussdruck in der Harnröhre. Es kommt zum unfreiwilligen, tröpfchenweisen Harnverlust ohne Detrusorkontraktionen durch Überdehnung der Blasenwand. Ursachen dieser Form der Inkontinenz können eine infravesikale Obstruktion (Prostatahyperplasie, Tumoren, Harnröhrenverletzungen) oder eine durch neurologische Erkrankungen hervorgerufene Detrusorhyporeflexie oder -areflexie (z. B. bei diabetischer Polyneuropathie) sein.

Extraurethrale Inkontinenz

Hier kommt es zum unwillkürlichen Urinverlust durch andere Kanäle als die Harnröhre, z. B. bei Blasenfistel. Speicherfunktion und Verschlussmechanismus der Harnblase sind nicht gestört.

Über diese Klassifikation hinaus sollte bei Männern mit Symptomen des unteren Harntrakts (LUTS) auch an das gleichzeitige Vorliegen einer überaktiven Blase und eines benignen Prostata-Syndroms (OAB + BPS) gedacht werden.

Das benigne Prostatasyndrom (BPS) wird als sehr variable Relation zwischen klini-scher Symptomatik (LUTS), Prostatavergrößerung (BPS) und Blasenauslassobstruktion (BOO) beschrieben. Gleichzeitig zu einem bestehenden BPS liegt bei vielen Männern eine überaktive Blase (OAB) als Teil der LUTS vor. Bei diesen Patienten treten die typischen Symptome einer OAB (imperativer Harndrang mit oder ohne Harnverlust, erhöhte Miktionsfrequenz, Nykturie) auf.

Literatur:

1) Irwin D E, Milsom I, Hunskaa S et al. Population-Based Survey of Urinary Incontinence, Ovaractive Bladder, and Other Lower Urinary Tract Symptoms in Five Countries: Results of the EPIC Study. Eur Urol (2006) 50: 1306-1315